Inmitten des Moseltals, einer uralten Kulturlandschaft, in der schon zu römischer Zeit Wein angebaut wurde, bewirtschaften meine Frau Rita und ich unsere Weinberge nach den Erkenntnissen des biologisch-dynamischen Rebbaus. Schon 1978 beschlossen wir, andere Wege zu gehen und die Bewirtschaftung des alten Familienweingutes nach den Idealen des biologischen Anbaus auszurichten. "Bio" ist aber mehr als das Weglassen von Kunstdünger, Herbiziden und allerlei Giften, es ist eine Haltung der Verantwortung, die lokal handelt aber global denkt. Heute bauen wir mit wachsendem internationalen Erfolg überwiegend Riesling Reben an, viele in steilen Schieferlagen und staunen über die stetig zunehmende Filigranität der Weine. Offensichtlich dauert es ein ganzes Winzerleben, bis ermattete, erschöpfte Böden auf eine neue Stufe der „Lebendigkeit“ emporgehoben werden können.

 

Auch unsere biologisch gepflegten Reben bleiben von Schädlingen und Krankheiten nicht verschont. Nach den EU-Verordnungen und den noch strengeren Regeln unseres Anbauverbandes Ecovin, dem Zusammenschluss deutscher Bio-Winzer, dürfen wir jedoch zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten nur Kräuter, Mineralien und in begrenztem Umfang wässrige Kupferlösungen einsetzen. Zur Kontrolle dieser Vorschriften wird jeder Betrieb einmal im Jahr von einer unabhängigen Kontrollstelle unter die Lupe genommen und zertifiziert. Die Arbeit dieser Kontrolle wird dann noch einmal von staatlichen Organen überprüft. Das Ecovin Warenzeichen dokumentiert diese Transparenz.

 

Ziel unserer Bemühungen sind klare, ausdruckstarke, individuelle Weine mit Frucht, Struktur und Eleganz. Bemerkenswert sind die vielen Bekundungen von Kunden, die die außerordentliche Verträglichkeit unserer Weine rühmen. Eine richtige Erklärung dafür haben wir nicht. Ob es an der hingebungsvollen Handarbeit, dem sparsamen Einsatz von Technik und Maschinen in Weinberg und Keller liegt oder an der standortangepassten Bodenpflege, dem Verzicht auf treibende Düngung oder an den ausgleichenden Kräften der biologisch-dynamischen Präparate, bleibt offen.

 

Der technische Fortschritt hat in den letzten Jahrzehnten auch in die Weinkeller Einzug gehalten. Durch die Verwendung von neuen oenologischen Verfahren besteht die Gefahr, dass die Weine ihren eigenen, individuellen Geschmack, immer mehr verlieren und „globalisiert“, austauschbar, normiert und langweilig wirken.

Die Eigenart eines guten Weines wird geprägt von Rebsorte und Jahrgang, Sonne und Mond, Wind und Wetter, Bodenart und Hangneigung und der hingebungsvoll pflegenden Winzerhand: neudeutsch „Terroir" genannt. Um diese Originalität zu bewahren, verzichten wir auf alle unnötigen Eingriffe, die den Wein stressen und verfremden. Durch sorgsame Handlese, schonende Pressung und langsame Vergärung, am liebsten mit natürlichen Hefen in kleinen Gebinden, vollenden wir die Erzeugung unserer Weine so, dass man den Ort ihrer Herkunft, also den Weinberg, in gewisser Weise wahrnehmen kann. Das macht sie, wenn es gelingt, unverwechselbar und einmalig.

 

Angeregt durch Sommeliers und erfahrene Weinfreunde haben wir uns nach und nach einen Zugang zur Welt der „vins naturell“ erarbeitet. Im Jahre 2010 haben wir dann erstmals einen Riesling völlig ohne Intervention abgefüllt: nichts hinzugefügt, nichts weggenommen, ohne irgendwelche Zusätze und ohne Filtration. Ohne das Stabilisierungsmittel Schwefel entwickelt sich der Riesling in Duft und Geschmack völlig anderes als gewohnt und offenbart bislang unentdeckte Tiefen und Finessen.

 

Wir lassen die Weine sehr lange auf der Hefe liegen und warten ab, bis alle biologischen Prozesse ausgeklungen sind und füllen die Weine dann von Hand behutsam in Sektflaschen und verschließen mit einem Kronkorken, um die natürliche Kohlensäure zu erhalten. So vor einer vorzeitigen Oxydation geschützt, können die Weine auch recht lange gelagert werden.

 

 

 

Weitere Texte

 

Rudolf Trossen, "Trauben und sonst nichts" in Effilee: ARTIKEL (link)

Rudolf Trossen, "Biologisch-dynamischer Rebbau zwischen Anspruch und Wirklichkeit": ESSAY (link)

Rudolf Trossen, Rede vor dem EU-Agrarausschuss in Brüssel, August 2006: TEXT (pdf)

Rudolf Trossen, "Der Bioweinbau als Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen", in Auszügen erschienen im Kreisjahrbuch 2011 des Landkreises Bernkastel-Wittlich: TEXT (pdf)